Gedankengänge – Zeit oder nicht Zeit?

Bild: Gentleman-blog

Das Sonne scheint durch die Jalousien, als ich morgens meine Augen öffne. Es ist Sonntag und zu dieser Stunde schon angenehm warm. Ich folge meinem inneren Kompass, stehe auf, suche meine Sachen zusammen und verlasse das Haus. Bis zum Fluss, an dem sich ein wunderschöner Weg entlang zieht, sind es nur ein paar Minuten und ich verfalle auf dem Weg dorthin in einen leichten Laufschritt. Am Fluss angekommen finde ich schnell meine Geschwindigkeit, mein Körper übernimmt die Kontrolle, schaltet auf Autopilot und ich laufe unter gleichmäßigen Atemzügen der Morgensonne entgegen. Die Bäume und Sträucher auf dem Weg faszinieren mich auf kindliche Art und Weise – Blumen verschiedener Farben, Gerüche und Eindrücke. Der Weg führt unter einer Brücke hindurch, auf der Menschen im morgendlichen Stress ihren Gang zur Arbeit oder zum Einkaufen beschreiten. Die Sonne steigt höher am Himmel auf und ich laufe parallel zu einer Straße mit einigen Restaurants und der Duft von gebratenem, verschiedenen Kräutern und unzähligen Gewürzen steigt mir in die Nase. Dann zweigt mein Weg vom Fluss ab hinein in die Stadt und ich muss meinen Lauf immer wieder unterbrechen um an Ampeln zu warten, Straßenbahnen, Busse und Autos vorbei zu lassen und um nicht mit anderen Läufern zusammenzustoßen. Die Sonne hat ihren Höhepunkt am Himmel bereits überschritten und macht sich wieder auf den Weg in Richtung Horizont. Das Durcheinander beruhigt sich wieder etwas und ich biege auf der anderen Seite des Flusses wieder auf eine Straße ein, die mich zurück führt. Alles entspannt sich wieder, ich begegne Menschen, die mir freundlich zunicken oder winken, bis ich schließlich wieder vor meiner Türe stehe. Die Sonne ist nur noch als roter Schimmer im Westen zu erkennen, ich öffne, trete ein und schließe die Türe hinter mir.

Wir stellen uns Zeit als Pfeil, als Gerade vor, die wir entlang laufen. Würden wir unser Leben inklusive aller Ereignisse, nach unserer Vorstellung der Zeit, aufzeichnen wollen, würden wir eine lange Linie malen, über der wir chronologisch von links nach rechts unsere Lebensabschnitte und besonderen Momente einzeichnen. Unsere Vorstellung von Zeit ist also linear. Wir kämen gar nicht auf den Gedanken, uns die Zeit anders vorzustellen. Wieso zeichnen wir sie beispielsweise nicht als Kreis auf? Es heißt doch: „Aus Asche bist du entstanden und zur Asche wirst du zurückkehren.“ Ebenso sprechen wir von einem „Lebenskreislauf“, wieso also kein Zeitbild in Form eines Kreises? Ebenso könnten wir uns die Zeit als Baum vorstellen: Es gibt einen Ausgangspunkt, nämlich unsere Geburt – sprich die Wurzel. Von da an bestimmen wir an jeder Gabelung aufgrund von Entscheidungen, wohin wir abbiegen. So müsste es unzählige Zweige und Äste geben, aus Wegen, die wir beschritten haben und Wegen, die wir nicht beschritten haben – also wäre doch auch ein Baum ein gutes Bild der Zeit. Aber wir stellen uns die Zeit als eindimensionale Linie vor (wie Facebook das sehr anschaulich tut).

Viele sind der Meinung, Zeit sei lediglich eine Wahrnehmung von uns Menschen und kein nachweislicher Fakt. Wir beweisen die Existenz von Zeit nur durch Uhren, die wir selbst nach unserem Gefühl von Zeit geschaffen haben und anhand der Tatsache, dass wir uns zwar an die Vergangenheit erinnern können, jedoch nicht an die Zukunft. Daraus schließen wir auf ein lineares Zeitbild. Wer sagt uns, dass wir nicht in unserer genetisch programmierten Vorstellung von Zeit gefangen sind und so gar nicht in der Lage sind, gewisse Dinge und Tatsachen zu erkennen? Wenn andere Spezies eine andere Vorstellung von Zeit haben bzw. gar keine, wären wir dann überhaupt in der Lage, diese Wesen wahrzunehmen? Kann es nicht sein, dass der Mond, der Mars und die Venus voll sind mit Leben, wir es nur nicht sehen können, weil alle Möglichkeiten und Instrumente, die wir benutzen, um nach ihnen zu suchen, ein Vorhandensein von Zeit voraussetzen? Wenn wir andere Sterne beobachten, sind wir darauf angewiesen, dass Lichtwellen während einer bestimmten Zeit bei uns eintreffen. Wenn wir mit jemandem sprechen, muss der andere warten, bis die Schallwellen sein Ohr erreichen und sein Gehirn eine verwertbare Information daraus errechnet hat. Unser Leben, unsere Erkenntnisse, einfach alles um uns herum existiert nur, weil wir es durch ein voranschreiten der Zeit wahrnehmen können.

Somit ist es auch unmöglich für uns, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ein Leben ohne Zeit möglich wäre. Wir sind gefangen in „unserer“ Zeit und sobald wir dieses Gefängnis verlassen würden, wäre unser Leben augenblicklich zu ende. Wird es uns also niemals vergönnt sein, über den Tellerrand zu blicken und das „große Ganze“ zu betrachten, weil dies unter Berücksichtigung von Zeit nicht möglich ist? Wenn dem wirklich so ist, wären alle unsere astronomischen und physikalischen Bemühungen umsonst. Doch zum Glück bin ich ein verfechter des schwachen, anthropischen Prinzips und aus diesem Grund bleibt für mich das hier geschriebene, eben doch nur ein „Gedankengang“.

Über stellariumblog

Stellariumblog ist ein Info-und Newslog. Ich versuche, die oftmals komplizierte und unübersichtliche Fülle an Informationen und Wissen verständlich zu erklären. Mein Ziel ist es, mit diesem Blog so viele Menschen wie möglich von der Astronomie zu begeistern. Natürlich versuche ich, täglich die wichtigsten News aus den Bereichen Astronomie, Astrophysik und vergleichbaren Wissenschaften zu bloggen, ich bin allerdings Berufstätig und habe leider nicht jeden Tag ein bis zwei Stunden Zeit – seid also bitte etwas nachsichtig falls ich nicht immer alles als erster poste ;) Ich freue mich immer über positive Bewertungen, aber auch über konstruktive Kritik sowie Vorschläge und/oder Hinweise auf mögliche Fehler (ich bin auch nur ein Mensch). Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß in meinem Blog.
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2 Antworten zu Gedankengänge – Zeit oder nicht Zeit?

  1. Ronald schreibt:

    Sehr guter Artikel, ich betrachte das Ganze jedoch von einer anderen Seite: Wir leben in einem Universum, in dem die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind. Licht breitet sich immer mit der gleichen Geschwindigkeit aus, es existiert eine Schwerkraft, etc. Und somit gibt es auch Zeit. Diese ist ja in der Naturwissenschaft bekanntlich ein Zustand zunehmender Unordnung, sprich Entropie und daher wird sie auch messbar. Ich denke nicht, dass wir andere Lebewesen nicht sehen, weil diese eine andere Vorstellung der Zeit bzw. keine Zeit haben. Das Gesetz der Entropie, was es seit Anbeginn dieses Universums gibt, kann niemand aushebeln. Es gibt weder einen möglichen Zeitstillstand, noch eine Zeitlosigkeit. Ich habe dazu auf meinem Blog zufällig vor einigen Tagen einen Beitrag verfasst. Wer Lust hat, kann ja mal vorbei schauen. Ich werde diesen Artikel auch dort verlinken.

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  2. Pingback: Früher war alles besser - auch die Zukunft - interSTELLAR.at

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