Portrait: Juri Gagarin – der „wirklich“ erste Mensch im Weltall

Wie so oft hat mich das Halbwissen meiner Mitmenschen dazu bewogen, einen Beitrag zu Schreiben. Ich war kürzlich auf einem einwöchigen Seminar und habe mich am Abend mit meinen Kollegen über dies und das unterhalten. Dabei erzählte ich von meiner kleinen Nebenbeschäftigung (diesem Blog) und wurde sofort mit Fragen zu den behandelten Themen bombardiert. Als ich dann etwas hinterfragte und wissen wollte, wer denn der erste Mensch im Weltraum war, kam einstimmig die Antwort. „Neil Armstrong“. Nun, das bewog mich, etwas im Internet zu forschen, wie viele Menschen denn noch dieser Meinung sind, und tatsächlich ist es scheinbar ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Neil Armstrong tatsächlich der erste Mensch im All war. Daraufhin nahm ich mir fest vor, über den „wirklich“ ersten Menschen im All einen Beitrag zu schreiben, denn ich bin mir nicht sicher, ob der russische Volksheld „Juri Gagarin“ außerhalb von Russland wirklich so bekannt ist, wie die Medien gerne behaupten.

Juri Alexejewitsch Gagarin, wie er mit vollem Namen heißt, geboren am 9. März 1934 in Kluschino bei Gschatsk (Russland), konnte zu seinen Lebzeiten mit Fug und Recht behaupten, „der Erste“ gewesen zu sein. Dabei dauerte seine Reise zur Unsterblichkeit gerade mal 106 Minuten, denn während dieser Zeit umrundete er am 12. April 1961 als erster Mensch mit seinem Raumschiff, der Wostok 1, die Erde, und war somit der 1. Mensch im Weltall.

Juri Gagarin
Juri Gagarin 1964 in Schweden – Wikipedia

Doch wer war Juri Gagarin und wie kam es dazu, dass er auserwählt wurde, als erster Mensch ins All fliegen zu dürfen?

Juri wurde am 9. März 1934 als Sohn einer Bauernfamilie im Dorf Kluschino (Russland) geboren. In die Zeit des zweiten Weltkrieges fällt ein angeblich prägendes Erlebnis, das in der Vorbildliteratur zu Gagarin stets erwähnt wird: Gagarin soll gesehen haben, wie ein sowjetischer Jagdflieger in seiner Nähe landete, um einen anderen, notgelandeten Flieger mitzunehmen und so vor deutscher Gefangenschaft zu retten. Er zog 1949 nach Luberzy, einen Vorort Moskaus und machte dort eine zweijährige Ausbildung an einer Handwerkerschule, die er 1951 mit der Facharbeiterprüfung als Gießer abschloss. Anschließend, nachdem er in seinem Antrag auf einen Studienplatz in einer Notlüge seinen Vater als Kriegsinvaliden ausgegeben und zwei seiner Geschwister verschwiegen hatte, studierte er am Industrietechnikum in Saratow und erhielt dort 1955 ein Diplom als Gießereitechniker.

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Juri Gagarin kurz vor seinem Raumflug – Foto: picture alliance/dpa

Während des Studiums wurde er Mitglied des Aeroklubs in Saratow und bestand seine erste Flugprüfung am 3. Juni 1955. Im gleichen Jahr trat er in die sowjetischen Streitkräfte ein und wurde in die Fliegerschule in Orenburg aufgenommen. Am 7. November 1957 wurde Gagarin zum Leutnant befördert. Ebenfalls im Jahr 1957 heiratete er am 7. November die Ärztin Walentina Iwanowna Gorjatschowa. Von 1957 bis 1959 diente Gagarin bei einem Jagdfliegerregiment der Nordflotte. Er war in der Oblast Murmansk am Polarkreis stationiert. Hier wurde Gagarin Mitglied der KPdSU. Am 10. April 1959 wurde seine Tochter Jelena geboren, am 12. März 1961, genau einen Monat vor seinem Raumflug, seine zweite Tochter Galina, genannt Galja.

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Postkarte Juri Gagarin von 1962

1960 wurde Gagarin als potenzieller Kosmonaut ausgewählt. Am 3. März kam er auf Befehl des Oberkommandierenden der Luftstreitkräfte Konstantin Andrejewitsch Werschinin in die Gruppe der Kosmonautenkandidaten und erhielt vom 11. März 1960 bis Januar 1961 eine entsprechende Ausbildung. Er wurde vor allem wegen seines ruhigen Temperaments aus den 20 möglichen Kandidaten ausgewählt, um als erster Mensch die Erde zu verlassen. Am 12. April 1961 absolvierte der 1,57 m große Pilot mit dem Raumschiff Wostok 1 seinen spektakulären Raumflug und umrundete dabei nach offiziellen Angaben in 108 Minuten einmal die Erde, diese Angabe wurde jedoch erst zum 50. Jubiläum, nach der Freigabe von Geheimdokumenten, auf 106 Minuten revidiert. Er landete im Wolga-Gebiet, in der Nähe der Städte Saratow und Engels. Angeblich trifft er nach seiner Landung am Fallschirm zunächst auf eine Landarbeiterin und deren Enkelin. Ob es sein könne, dass er gerade aus dem Weltraum komme, fragt die überraschte Arbeiterin demnach den Mann mit dem Helm und dem seltsamen Raumanzug. „Ja tatsächlich, so ist es“, so die Antwort des 27-jährigen Gagarin. Auf dem Landeplatz steht heute ein Denkmal, und der Jahrestag seines Raumfluges wird dort heute noch jährlich mit einer kleinen Feier begangen.

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Die Raumkapsel nach der Landung – Foto: picture alliance/dpa

Dass seine Raumkapsel „Wostok“ („Osten“) damals bei Saratow und nicht wie geplant bei Wolgograd aufschlägt, ist eine von vielen Pannen bei dem Flug. Vor dem Start drücken Ingenieure dem Kosmonauten eine Pistole in die Hand – „für alle Fälle“. Später klemmt beim Eintritt in die Erdatmosphäre eine Steckverbindung, das Durchbrennen des Kabels verhindert eine Katastrophe. Die Nachrichtenagentur Tass hat außer der Erfolgsmeldung auch eine Todesnachricht vorbereitet. „Ich weiß nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im All“, sagt er später mit Verweis auf die vorangegangene Testreihe mit Vierbeinern im Weltraum.

In den Jahren nach seinem legendären Flug bereist Juri beinahe die ganze Welt und überall wird ihm zugejubelt. Straßen werden nach ihm benannt, er erhält Ehrungen, Kremlchef Nikita Chruschtschow empfängt ihn. Viele Russen lachen noch heute darüber, wie der Träger des Lenin-Ordens den roten Teppich mit offenem Schnürsenkel abschreitet. Gagarin erweist sich in Zeiten plumper Staatspropaganda als Glücksgriff. „Tut mir leid: Ich kann zwar um die Erde fliegen, aber mit dem Besteck kenne ich mich nicht aus“, sagt er beim Empfang der Queen und zeigt auf die vielen Messer und Gabeln. Das Ausland ist entzückt von so viel Spontanität.

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Foto: associated press

Am 27. März 1968 stirbt Juri Gagarin im jungen Alter von nur 34 Jahren. Er verunglückte bei einem Übungsflug mit einer MiG-15UTI. Gagarin war im Februar 1968 zum Ausbilder der Kosmonauten ernannt worden, doch bevor er diesen Posten antrat, wollte er noch seine Ausbildung zum Kampfpiloten zu Ende bringen. Diese war wegen seines Kosmonautenprogramms abgebrochen worden. Der Flugzeugtyp MiG-15UTI galt aufgrund seiner geringen Absturzquote als das sicherste Kampfflugzeug der UdSSR. Gagarins Flugausbilder und Co-Pilot war der Regimentskommandeur und Held der Sowjetunion Oberst Wladimir Serjogin, ein routinierter MiG-15-Pilot mit rund 4000 Flugstunden und Kriegserfahrung. Die Umstände des Absturzes sind bis heute nicht genau geklärt. Die Regierung ließ damals lediglich „eine unglückliche Verkettung verhängnisvoller Umstände“ als Ursache verlautbaren; der Untersuchungsbericht wurde erst zum 50. Jubiläum des ersten bemannten Raumfluges veröffentlicht (fast 43 Jahre später), die damalige Erklärung jedoch nie offiziell korrigiert. Dies bot unweigerlich Stoff für eine Vielzahl von Spekulationen, Legenden und Verschwörungstheorien zur Absturzursache.

Durch seine Popularität in der östlichen Welt wird Gagarin auch heute noch gerne von den Mächtigen als Propaganda benutzt, wie hier unten auf einem relativ aktuellen Bild zu sehen ist:

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Foto: picture alliance/dpa

Gagarin ist es auch, der die Erde den „blauen Planeten“ nennt. „Als ich sie umkreiste, sah ich, wie wunderschön sie ist. Lasst uns diese Schönheit bewahren, lasst sie uns vermehren und nicht zerstören.“

Quellen:

Ludmila Pavlova-Marinsky: Juri Gagarin Das Leben. Neues Leben, Berlin 2011, ISBN 978-3-355-01784-8.

Gerhard Kowalski: Die Gagarin-Story. Die Wahrheit über den Flug des ersten Kosmonauten der Welt. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999, ISBN 3-89602-184-2

Über stellariumblog

Stellariumblog ist ein Info-und Newslog. Ich versuche, die oftmals komplizierte und unübersichtliche Fülle an Informationen und Wissen verständlich zu erklären. Mein Ziel ist es, mit diesem Blog so viele Menschen wie möglich von der Astronomie zu begeistern. Natürlich versuche ich, täglich die wichtigsten News aus den Bereichen Astronomie, Astrophysik und vergleichbaren Wissenschaften zu bloggen, ich bin allerdings Berufstätig und habe leider nicht jeden Tag ein bis zwei Stunden Zeit – seid also bitte etwas nachsichtig falls ich nicht immer alles als erster poste ;) Ich freue mich immer über positive Bewertungen, aber auch über konstruktive Kritik sowie Vorschläge und/oder Hinweise auf mögliche Fehler (ich bin auch nur ein Mensch). Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß in meinem Blog.
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